Industrie 4.0 Human

Von der Illusion 4.0 zur human- und wertzentrierten Gesellschaft 4.0

Industrie 4.0 - die Idee der webbasiert vernetzten Fabrik – ist nun fünf Jahre alt. Dies war einmal mehr Anlass für die Treiber von Industrie 4.0 sein, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, so als ob die Mission weitgehend erledigt ist. Völlig zu Unrecht, denn wir müssen unter dem Aspekt einer dringend notwendigen Human- und Wertzentrierung auf fünf weitgehend verlorene Jahre zurückblicken. Dabei war und ist nicht die technische Umsetzung der Vernetzung das Problem, sondern der Mangel an Mut und Phantasie unserer Industrie.

Vor allem aber fehlt immer noch die richtige Perspektive bzw. Fokussierung, das „Warum“ von Industrie 4.0.

Einst gestartet als Initiative für den produzierenden Mittelstand wird Industrie 4.0 derzeit vornehmlich von Fabrikausrüstern und der Forschung getrieben. Kein Wunder, denn sie profitieren hiervon als erste. Sie beglückwünschen sich gegenseitig für technische Lösungen, die aber oftmals gar nicht so innovativ sind, wie behauptet. Wer also ein reiches Angebot an altem Wein in neuen Schläuchen sehen will, der möge sich hier etwas umschauen. Unhaltbare Heilsversprechen, zahlreiche Trittbrettfahrer und eine enorme mediale Aufmerksamkeit - Industrie 4.0 erfüllt alle Kriterien für einen Hype. Zudem basiert Industrie 4.0 auf dem Denkfehler, dass ein nicht lineares und soziales System wie eine Fabrik mit Algorithmen steuerbar ist. Das hat noch nie funktioniert und dies wird auch dieses Mal so sein.

 

Von der Illusion 4.0 zur human- und wertzentrierten Gesellschaft 4.0

Das Narrenschiff ist auf dem Weg - ohne Ziel und ohne Kompass. Und alle wollen mit. Alle? Nein, denn ausgerechnet diejenigen, um die es eigentlich geht wollen partout nicht mit an Bord. So erklärt eine wachsende Zahl mittelständischer Produzenten offen, dass sie sich an Industrie 4.0 nicht beteiligen will. Das liegt aber nicht an deren vermeintlicher Schläfrigkeit, wie von den Treibern von Industrie 4.0 gerne kolportiert wird, sondern an der mangelnden Qualität des Angebotenen bzw. dem ungeklärten Warum und der nicht ausreichenden Fokussieren auf Werte und den Menschen als Kunden und Mitarbeiter.

Das ist auch das Ergebnis einer desaströsen Kommunikation. Denn wie bei jeder großen Veränderung braucht auch Industrie 4.0 eine Vision und eine breit wahrnehmbare Antwort auf die Frage nach dem "Warum". Auf beides warten wir seit fünf Jahren vergebens. Stattdessen hören wir die pauschale Aussage, dass dies nun einmal die nicht aufzuhaltende Zukunft sei. Man fügt noch eine Prise Angst hinzu und behauptet, dass derjenige unweigerlich ins Hintertreffen gerät, wer hier nicht mitmacht.

 

Der eigentliche Sinn der webbasierten Vernetzung besteht aber zum einen in datenbasierten Geschäftsmodellen und Lösungsangeboten für den Kunden, ihre Potenziale liegen außerhalb der Fabriken. Diese Potenziale findet man aber nicht, wenn der Denkhorizont nur bis ans eigene Werkstor reicht. Industrie 4.0 zielt hierzulande einseitig auf Performance der Produktion und kommt gedanklich nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik hinaus.

Zum anderen ist aber auch der Mitarbeiter „Kunde“. Noch hat die Industrie 4.0 nicht ausreichend belegt, dass eine technikorientierte Neugestaltung auch tatsächlich dem Menschen dient. Ist er am Schluss wirklich Souverän und Dirigent wie gerne formuliert wird oder doch Opfer eines Systems, das ihm im Wesentlichen zum Ausführer degradiert, 

Industrie 4.0 darf nicht länger dogmatisch daherkommen und ist auch kein Selbstzweck. Einigkeit besteht darüber, dass die Vernetzung des Digitalen die Welt verändern wird. Deshalb hat Industrie 4.0 endlich die Technikecke zu verlassen und ist von der Gesellschaft und vom Markt und vom Mitarbeiter her zu denken. Dies muss sich in neuen Geschäfts- und Wertschöpfungsmodellen abbilden und bedarf der Bereitschaft, das eigene Geschäfts- und Wertschöpfungsmodell unsentimental zu zerstören, statt es linear fortzuschreiben.

Industrie 4.0 hat nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn sie sich die Frage stellt, wie wir zukünftig wirtschaften, arbeiten und leben wollen und aus den Antworten die richtigen Schlüsse zieht. Eine humanzentrierte Gesellschaft 4.0 muss an die Stelle der technikzentrierten Industrie 4.0 treten. Das hier nun der Industrie 4.0 human-Blog eine nachhaltige Kommunikationsbasis schafft, ist auf jeden Fall zu begrüßen, und so freue ich mich hier auch die Diskussion eröffnen zu können.