V. Symposium Change to Kaizen
Industrie 4.0 Human

Die Syska-Soder-Diskussion: Wenn zwei Industrie 4.0-Ikonen streiten, eint Sie am Ende die gemeinsame Human- und Wertzentrierung!

In diesem Beitrag wird aufgezeigt: Führende Köpfe der Industrie 4.0-Community sind sich einig: Nur human- und wertzentriert wird Industrie 4.0 erfolgreich sein! Dabei darf eine solche Ausrichtung nicht Zuckerguss sein. Eine frohe Botschaft, die die Mühen der „Industrie 4.0 human“-Initiative bestätigt. Zugleich zeigt die Diskussion die neuen Handlungsnotwendigkeiten im Kontext 4.0 auf.

 

Lean entdeckt Industrie 4.0 (humanzentriert)

Das Event „V. Symposium Change to Kaizen“ in Mannheim, das Ralf Volkmer mit seinem Team von der Learning Factory organisiert hatte, gilt als einer der wichtigsten Treffpunkte der Lean-Community. In diesem Jahr hatte es einen besonderen Fokus, der gerade für eine humanzentrierte „Industrie 4.0“ bzw. „Industrie 4.0 human“ von besonderer Bedeutung ist: „Lean und Industrie 4.0“.

Das alleine ist schon bemerkenswert: Die Lean-Community hat sich nicht zuletzt durch das Wirken von Ralf Volkmer für „4.0“ geöffnet – bei aller verbliebenen Skepsis gegenüber Begriffen und einzelnen Konzepten. Dennoch – wer hätte gedacht, dass ein solches „Gemeinsam“ möglich ist, eint doch Lean und CIM als Industrie 4.0-Vorläufer eine lange, konfliktreiche Beziehung, die sich überspitzt auf Mensch versus Maschine reduzieren lässt? Nachdem CIM von menschenleeren Fabriken träumte, träumte Lean vor allem von minimaler IT. Und nun das: Lean und Industrie 4.0-Köpfe diskutieren gemeinsam Zukunft!

 

Video, Teil 1: Lean trifft Industrie 4.0, Eröffnung Felser (s. hier)

 

Ein historisches Event: „Illusion 4.0“ trifft auf „Lean Industrie 4.0“

Noch bemerkenswerter war allerdings ein Zusammentreffen von zwei Industrie 4.0-Ikonen, die wie niemand sonst die unterschiedliche Bewertung des Themas Industrie 4.0 repräsentieren und das obwohl Sie eigentlich in den Grundwerten Brüder im Geiste sind und beide eine Zukunft wünschen, in der der Mensch im Mittelpunkt steht:

  • „Illusion 4.0“-Autor Professor Andreas Syska ist erste Wahl, wenn 3Sat und andere Leitmedien eine kompetent-kritische Reflexion zu Industrie 4.0 wünschen, insbesondere eine (berechtigte) Kritik an der mangelnden Mitarbeiter- und Kundenzentrierung von vielen Industrie 4.0-Aktivitäten.
  • SEW Eurodrive CTO Johann Soder ist hingegen für den SPIEGEL und andere Medien der Hoffnungsträger für eine gelungene Harmonie von Mensch und Maschine in einer Zukunft 4.0. Er hat selbst CIM erlitten und nach einer Lean-Phase auch Lean und Industrie 4.0 zusammengedacht.

Das klingt nach viel Potenzial für ein „Gemeinsam“.

Wer aber jetzt einen spontanen Schulterschluss erwartete, wurde zunächst enttäuscht. Professor Syska hat zu viele falsche Versprechungen gehört, um sich mit Leichtigkeit auf Basis einer Präsentation für den Lean-Industrie-4.0-Ansatz von SEW Eurodrive zu begeistern. Beispiel „Dirigent der Industrie 4.0“: Ist der Begriff Ausdruck eines neuen souveränen Menschen in der Industrie 4.0 oder doch Ausdruck neuer Entfremdung zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten?

 

Video, Teil 2: Johann Soder und SEW Eurodrive im SPIEGEL

 

Wo in Lean-Zeiten noch eine Zusammenarbeit im Team stattfand, droht nun die „Entfernung“ der Mitarbeiter von ihren Vorgesetzen und die Fremdbestimmung durch das System? Professor Syska sieht bei „4.0“ zu viele Anzeichen eines Hypes, der die notwendige Wurzelbehandlung der Irrwege vermeidet. So würde die bisher fehlende Human- und Wertzentrierung nicht überwunden, diagnostizierte Syska bei aller persönlichen Wertschätzung für Johann Soder. So leidenschaftlich Syska in der Kritik ist, so leidenschaftlich verteidigte Soder die Chance, Mensch und Maschine im Zukunft im Einklang zu denken – für eine höhere Kollaborationsproduktivität von beiden als Team. Das überzeugte auch die SPIEGEL-Mitarbeiter, die in ihrer September-Ausgabe zu dieser Thematik SEW Eurodrive als Leuchtturm für eine gelungene Integration vorstellten.

 

Ein gemeinsamer Abend und eine gemeinsame Perspektive

Natürlich hätte der Autor des Beitrags gerne den Einklang der Konzepte dieser wichtigen Vordenker verkündet. Die abendlichen Gespräche aller Teilnehmer, natürlich auch mit Professor Syska und Johann Soder, machten dann aber klar:

  • Trotz Diskussion möchte man sich treffen. Besser als jede Theorie kann das lebendige Praxisbeispiel als Diskussions-Plattform dienen.
  • Bei aller Diskussion ist man sich einig, dass nur eine umfassende Human- und Wertzentrierung in Richtung Mitarbeiter, aber auch Kunde, die Basis für einen nachhaltigen Erfolg, gerade in Deutschland sein kann.
  • Am Ende spielen Begriffe und Ideologien keine wirkliche Rolle, entscheidend ist nur der Beitrag zur Schaffung von Werten.

 

diskussion

 

Bild 1: Die Syska-Soder-Diskussion geht weiter! (Bildquelle: Ralf Volkmer)

 

Die „Industrie 4.0 human“-Plattform für den nachhaltigen Dialog

Damit weist das Zusammentreffen dieser beiden führenden Köpfe über das Ereignis hinaus. Wir brauchen eine (Meta-) Plattform im weitesten Sinne, die den Dialog für ein humanzentriertes Neudenken der Industrie und Ökonomie begleitet und dabei alle relevanten Aktivitäten vernetzt. Nur im nachhaltigen und persönlichen Dialog können wir gemeinsam Perspektiven entwickeln, die optimal zukunftsfähig sein. Wenn die „Industrie 4.0 human“-Initiative Teil einer solchen Plattform bilden würde, dann wäre das ein großer Gewinn, zumal Professor Syska nicht umsonst die Diskussion zu diesem Thema im Rahmen des Industrie 4.0-human-Blogs eröffnet hat. So könnten nun Ralf Volkmer und Johann Soder die Diskussion auch in diesem ersten Kontext fortsetzen.

 

Persönlichen Konsequenzen?

Unternehmen und Mitarbeiter, die sich mit dem Thema Industrie 4.0 beschäftigen, können für sich zwei Handlungsimpulse aus der Syska-Soder-Diskussion mitnehmen: Zum einen können sie generell hinterfragen, ob in ihrem eigenen Kontext das Thema mit der richtigen Perspektive angegangen wird.  Inwieweit liegt der Fokus bereits ganzheitlich auf Werten, Kunden und Mitarbeitern als den eigentlichen Wertschöpfern (s. auch Syska-Quadrant).  Darin sind sich Professor Andreas Syska und Johann Soder einig.

Syska Quadrant

Bild 2: „Syska-Quadrant“, Ausweitung der Industrie 4.0-Perspektive

 

Zum anderen zeigt die Syska-Soder-Diskussion auf, dass die Lösungen „4.0“ durchaus sehr unterschiedlich ausfallen können. Wieviel Lean und wieviel „4.0“ sind in dem jeweiligen Kontext sinnvoll? Das Entweder-Oder weicht einem flexiblen Sowohl-Als-Auch, wo die 100%-Lösungen in die eine oder andere Richtung selten das Optimum darstellen. Am Ende ist in jedem Kontext jenseits von Ideologien das richtig/optimal, was die „beste“ Wertschöpfung sicherstellt. Dafür bedarf es Diskussionen, manchmal auch leidenschaftlicher Natur.

 


Wer nun diesen Beitrag liest und abwartet, zieht daher auf jeden Fall nicht die richtigen Konsequenzen. Professor Syska lädt jedenfalls Interessierte ein, mit ihm und anderen den Dialog vom Kreis der Diskutierenden und vom Thema her auszuweiten. Eine humanzentrierte Industrie 4.0 eingebettet in einer humanzentrierten Gesellschaft 4.0 – so würde 4.0 zur Erfolgsgeschichte. Bei Interesse reicht eine Email an ihn (syska@faszination-produktion.de).