Industrie 4.0 Human

Verstärkt die Digitalisierung die gefühlte Spannung zwischen Humanum und Kapital?

Dem Menschen ist das Menschlichste oft fremd. Dem Homo Oeconomicus das zoon politikon unverständlich. Der Ökonomie die Ethik ein Trend. Die drei großen Normenquellen unserer europäischen Geschichte – die griechische Philosophie, das römische Recht und die christliche Ethik – sind von Anbeginn wesentlich auch mit der Frage befasst, wie sich unter Knappheit Gerechtigkeit als non-egalitaristische Gleichheit realisieren lässt. In einer Welt, in der Wir alle leben, arbeiten, genießen und lieben – und das Gegenteil davon – und die niemand von uns geschaffen hat. Aber in der Wir alle doch unseren Teil beitragen können, denn unsere Welt ist so wie sie ist, weil wir in ihr tun können, was wir tun sollen, sie ist in der Sprache der christlichen Theologie Schöpfung.

 

(Etwas) weniger philosophisch ausgedrückt: Nur Gute Geschäfte können langfristig auch gute Geschäfte sein. Und weder die Reduktion von Ethik auf Ökonomie, mithin der Traum der selbsternannten Sozialphysiker, noch die Reduktion von Ökonomie auf Ethik, mithin der Traum der Zeigefinger-Moralisten, bringen das Zueinander von Ökonomie und Ethik in seine Wahrheit. Auch die angesagten cleveren Verschränkungen – wie im Green Washing als Negativ- oder der Kindergartenphilantrophie  als Positivform – sind am Ende fade Komplementärstrategien. Wenn auch unternehmenspraktische.

 

Wenn es also plausibel wenn auch voraussetzungsreich sein könnte, Ethik und Ökonomie auf der Basis der Ethik zusammen zu denken, ist eine Spannung von Ethik und Ökonomie fundamental eine Illusion, wenn gleich im täglichen Tun oft gefühlt deutlich greifbar. Aber Ideale können motivieren und leiten,  keine Fakten. Fakten zeigen auf, was möglich ist und was nicht, nicht was man tun soll. Damit aber stellt sich die Frage, wie es insbesondere mit einer Spannung zwischen Humanum und Kapital im Zeitalter der Digitalisierung aussieht. „Gute Arbeit = Digitale Arbeit“ im Sinne alle Stakeholder?

 

Denn immerhin ist der Begriff „Humankapital“ durchaus gebräuchlich, wobei „Vermögen“ besser wäre, da es die Aktivseite der Bilanz adressiert und ist für die Betriebswirtschaftslehre deutscher Prägung sinnvoller. Jedenfalls: Diese Summe der Fertigkeiten, Kompetenzen etc., mit denen Personen Werte – hier: in Unternehmen – schaffen können, ist gemeint. Und wie jedes andere Asset lassen sich diese Vermögen managen. Und die vielzitierte Digitalisierung kann diese Vermögen einerseits verstärken, andererseits substituieren.

 

Algorithmen und ihre Weltextremitäten, die Maschinen, arbeiten und der Mensch praktiziert seine durch eine auskömmliche Grundsicherung finanzierte sittliche Vervollkommnung. So wie in Star Trek wird es wohl nicht kommen, aber die in einem falsch verstandenen Gegeneinander von „Mensch“ i.S.v. „Menschlichkeit“ und „Unternehmen“ i.S.v. „Gewinnauftrag“ evozierte Spannung scheint sich prima facie durch die digitalen Möglichkeiten der Umstrukturierung und Innovierung von ganzen Wertschöpfungszusammenhängen tatsächlich zu ergeben. Die gesellschaftliche Gefahr von Massenentlassungen, die gleichsam zu früh, also vor der Transformation in ein Selbstvervollkommnungssoziotop, kommen könnten, mögen Alarmismus sein. Aber die Veränderung von Berufsbildern, neue Kompetenzstrukturen und auch der Wegfall von Aufgaben und ganzen Berufen ist schon heute Realität. Es wird viele neue Chancen für Gute Arbeit geben, aber auch viele Verlierer 4.0.

(Quelle: Eigene Darstellung)

 

Insofern ist die Sorge, die Digitalisierung könnte gerade die gefühlte Spannung zwischen Humanum und Kapital noch verstärken, erst einmal nachvollziehbar und stellte sich bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in der ersten industriellen Revolution. Heute gilt: Der „digital divide“ kann zwischen der digitalen und der weniger digitalen Welt global schon seit vielen Jahren klar nachvollzogen werden, er ist zudem eine echte Herausforderung für demokratische Partizipationsprozesse Sicherheit und Datengerechtigkeit national und international. Aber ein „new digital divide“ innerhalb des Humanvermögens zeichnet sich zwar ebenfalls seit Jahren ab, aber scheint doch ein eher neues Phänomen zu sein, zumindest in der Deutlichkeit – was das Humanum zu einem Mittel zum Zwecke der Digitalisierung macht.

 

Allerdings setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass es im hier und jetzt nicht mehr nur darum gehen kann, (a)soziale Medien zu bedienen und diverse technologische Kompetenzen zu eignen, es geht um Kreativität, Innovationskraft und Werthaltungen. Hier wird Digitalität zum Mittel, nicht zum Zweck. Es geht um eine neue Aufteilung von Humanvermögen in das, was zumindest recht nachhaltig im Unternehmen verortet sein wird, und jenes, was extern vorhanden ist und genutzt wird. Und der interne Anteil wird wohl dauerhaft deutlich sinken. Am Ende führt die digitale Diversität zu eher losen leistungswirtschaftlichen Zusammenhängen und damit allerdings nicht notwendig zu einer auch noch größeren Spannung zwischen Humanum und Kapital.

 

Denn auch mit sich wohl in Teilen disruptiv verändernden und nachhaltig dynamisierenden arbeitsweltlichen Strukturen ändert sich nicht grundsätzlich die Möglichkeit und Notwendigkeit, moralische Normen in das Zentrum wirtschaftlichen Denkens und Handelns zu rücken. Im Gegenteil: Diese alte Volte wird bloß immer wichtiger werden, denn wenn es nicht mehr primär organisationskulturell aufgestellte Entitäten sind, die Werte sichern können (auch wenn sie es oft nicht tun), müssen Themen wie individualisierte (!) Bildung, Weiterbildung etc. deutlich an Bedeutung zu nehmen. Konzerne sind Skalierungswunder und oft Kreativitätsverhinderer und die Spannung zwischen Ökonomie und Ethik bricht sich hier unnötiger Weise Bahn, so wird erzeugt, was von sich aus nicht vorhanden. Selbst die Generierung Guter Arbeit als HRM-Tool im Zeitalter der Digitalisierung überwindet zwar die Skylla des (Irr)Glauben an die normative Kraft des Faktischen (Sozialphysik), in der die Digitalisierung Gesellschaft, Wirtschaft und das Humanum gefährdet und die Charybdis des abstrakten Zeigefinder-Moralismus, der leider selbiges leistet. Aber sie schwingt sich noch nicht auf zur Synthese:

Digitalisierung und Gute Arbeit sind keine Gegensätze, da sich nachhaltiger Digitalisierungserfolg nicht gegen, sondern nur durch den Grundsatz „Humanum first“  sichern lässt.

Die Digitalisierung wird möglicherweise zur Wiedervermenschlichung zwingen, da nur mit genuin humanen Fähigkeiten Wettbwerbsvorteile denkbar sein werden. Algorithmen und KI werden, selbst wenn sie dem Turing-Test bestehen und Gödel falsch liegt (was er nicht tut), keine normativen Entscheidungen treffen können und sollen. Autonome Fahrzeuge können am Ende kein Sollen kalkulieren. Auch werden digitale Technologien rund um die Organisation von Arbeit den Menschen neu zentral positionieren helfen – es kann und wird nicht nur um eine Art neuer Sparautomatisierungswelle gehen, aus ethischen wie ökonomischen Gründen.

 

Damit sehe ich die Digitalisierung als temperierte Chance für einen neuen Umgang mit jener bloß gefühlten Spannung. Gefühl eben, weil jene nicht fundamental ist, sondern im weniger erfreulichen Teil der Menschlichkeit gründet, den wir überwinden können und dies auch immer wieder erfolgreich tun. Digitalisierung bedeutet so nicht Posthumanismus, sondern einen Weckruf für eine neue Aufklärung – und damit eine Menschlichkeit, die sich nicht dem Verdikt der Quantifizierung unterwirft gerade dort, wo doch im Code gerade jene mit letzter Brutalität beschlossen scheint.  Denn ohne jenen Rekurs, ja jene Wiedererinnerung des Humanums als unveräußerliche und infungible Kraftquelle jeder Innovation werden Unternehmen das Problem des „Humanvermögens“ entweder nur noch trivialisieren können zum Nachwuchsproblem von „Young digital Professionals“, oder direkt im Wettbewerb der Ideen für ein Gutes Leben untergehen.

 

„Industrie 4.0 Human“ scheint mir mit Recht auf eben jene gefühlte Spannung hinzuweisen und sie dabei gleichzeitig überwinden helfen. Bene!