Vom passiven Gefahren- zum aktiven Chancen-Narrativ für eine humanzentrierte Ökonomie!
Industrie 4.0 Human

Arbeiten 4.0: Vom passiven Gefahren- zum aktiven Chancen-Narrativ für eine humanzentrierte Ökonomie!

Die deutsche Politik sollte sich endlich vom Gefahren-Narrativ und der Arbeitslogik des Industriezeitalters verabschieden. Eine chancen-orientierte Ausrichtung der Diskussion ist ein Schritt in die richtige Richtung. Unsere Delphi-Studie zum Arbeiten im Jahr 2050 kann dafür einen Rahmen bilden.

Das gerade veröffentlichte Weißbuch des Bundesministeriums für Arbeit ist auf vielerlei Kritik gestoßen. In einem Beitrag für den Tagesspiegel schrieb Ole Wintermann vor kurzem dazu: „Wer insbesondere das Kapitel „Gestaltungsaufgaben“ mit der Darstellung der Handlungsoptionen der zukünftigen Politik liest, wird den Eindruck nicht los, bei der Digitalisierung handele es sich um eine gefährliche Pandemie, von der wir unser Land auf jeden Fall zu schützen hätten. So geht es um den „Schutz vor Entgrenzung und Überforderung“, um das „Recht auf Nicht-Erreichbarkeit“. Mit Blick auf den Dienstleistungssektor wird vor allem „schlecht bezahlte und kaum abgesicherte Beschäftigung“ kritisiert (als wenn dies erst mit der Digitalisierung ein Problem geworden sei).

Wer in dieser Publikation also Chancen sucht, sucht größtenteils vergeblich. Die Delphi-Studie zur Zukunftder Arbeit 2050 (Co-Autorenschaft Ole Wintermann und Cornelia Daheim) auf Basis der Expertenbefragung des Millennium Project liefert selbstredend auch nicht alle notwendigen Antworten zur Zukunft. Sie fordert uns aber insbesondere auf, uns nicht als Opfer zu sehen, sondern eher als aktive Gestalter der Zukunft. Zugleich liefert sie einen Rahmen, der für eine humanzentrierte Ökonomie 4.0 zu berücksichtigen wäre. Zentrale Aussagen dieser Delphi-Studie sind:

  • Wir wissen nicht genau, was kommt, aber wir können es gestalten: Die Unsicherheit über den Verlauf der zukünftigen Entwicklung ist hoch – weil er von politischen Rahmensetzungen und der Zusammenarbeit der Akteure abhängt. Damit gilt aber auch: Wir können den Verlauf der Entwicklung gestalten.
  • Die globale Arbeitslosigkeit könnte auf 24 Prozent (oder mehr) im Jahr 2050 steigen. Tun wir nichts oder nichts Grundlegendes zur Anpassung an die neuen Arbeitsrealitäten, dann wird sich dabei auch die soziale Schere weiter öffnen.
  • Immer mehr Aufgaben können von Maschinen erledigt werden. An diesem technologischen Wandel geht kein Weg vorbei: Robotik, künstliche Intelligenz und Technologie-Konvergenz treiben die Entwicklung voran.
  • Der zentrale (und als sicher betrachtete) Treiber des Wandels ist der rasche, anhaltende technologische Fortschritt unter den Vorzeichen der Digitalisierung, der nahezu alle Berufsgruppen erfasst und dessen Tempo wahrscheinlich noch zunimmt.
  • Auszugehen ist zunächst von einer Transformationsphase über die nächsten ein bis zwei Dekaden. Hier setzt sich im Sinne des „digitalen Darwinismus“ der bisherige Wandel der Arbeit fort, indem immer mehr Berufsgruppen und Tätigkeiten durch Automation ersetzt werden.
  • Dann steht der Übergang in ein gänzlich neues System des Arbeitens und Wirtschaftens an, in dem auch die Sozialsysteme entsprechend anders aussehen müssen, und in dem vielleicht das Prinzip der Lohnarbeit gänzlich überholt ist.
  • Arbeit ist heute schon mobil und multilokal, morgen ist sie virtuell und findet im Metaversum (dem kollektiven virtuellen Raum) statt. Arbeitgeber hinken der Entwicklung hinterher. Wahrscheinlich beschleunigt sich das Tempo der Veränderung weiter, aber schon bisher können Arbeitgeber und Arbeitsbestimmungen nicht mit dem Wandel mithalten.
  • In den Sektoren Freizeit, Erholung und Gesundheit, in technologienahen Feldern und mit neuen Berufsbildern vom Empathie-Interventionist bis zum Algorithmen-Versicherer entsteht neue Arbeit. Es bilden sich Arbeitsbereiche und Berufe heraus, die geprägt sind von ureigenen menschlichen Fähigkeiten wie Empathie oder Kreativität.
  • Von MOOC bis P2P: Einzelne gehen voran, während das Bildungssystem überfordert ist, sich aber revolutionieren und z. B. in die Richtung selbst-gesteuerter Bildungsportfolios entwickeln muss. Weiterbildung und Bildung halten (bisher) nicht mit dem raschen technologischen Wandel Schritt, während Einzelne längst die neuen Formen des Lernens und Arbeitens vorleben.
  • Es scheint, als müssten wir alle programmieren lernen, um den Algorithmen nicht hilflos gegenüberzustehen. Technologische Kompetenzen sind zukünftig dringend zu vermittelnde Basis-Kompetenzen. Dazu treten sogenannte Meta-Kompetenzen, die das Navigieren in volatilen Arbeitsmärkten und in wechselnden Umfeldern ermöglichen.
  • Vielleicht muss gar keiner mehr arbeiten: Nach der Transformationsphase werden neue Wirtschafts- und Sozialsysteme notwendig. 60 Prozent der Experten sprechen sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Nach der Übergangsphase wird ein gänzlich neues System entstehen, in dem z.B. Lohnarbeit überflüssig sein kann oder das Grundeinkommen die meisten Menschen ernährt. Es ist dringend notwendig, alternative Formen zu identifizieren, wie Einkommen für alle Bevölkerungsgruppen außerhalb von klassischer Lohnarbeit generiert werden kann.
  • Globale Megatrends lassen nationale Lösungen ins Leere laufen. Rein  nationale oder regionale Ansätze und Perspektiven greifen zu kurz, weil z.B. Wissensarbeit bald nahezu gänzlich ortsungebunden ausgeübt werden kann

Diese Aufstellung der wichtigsten Aussagen macht klar: Die technologische Transformation ist unvermeidlich, wie wir aber Arbeit und Gesellschaft denken und gestalten, ist ein noch offener Pfad. Ihn gilt es ohne ein Beharren in der Logik des Industriezeitalters so zu erkunden, dass eine humanzentrierte Ökonomie gesichert wird. Wenn zum Beispiel die Industrie 4.0-Human-Initiative dazu einen Beitrag leistet, ist das sehr begrüßenswert. Wir werden aber auch politische und gesellschaftliche Transformationen nicht vermeiden können, und dazu  brauchen wir mehr als Vermeidungsstrategien für reale oder nur scheinbare Übel der Digitalen Transformation. Helfen würde das Sichtbar-Machen von realistischen Chancen und der Gestaltungswille, diese Möglichkeiten rasch umzusetzen.


Veröffentlicht unter folgender Lizenz: CC 4.0 BY-SA
Co-Autoren: Cornelia Daheim, Dr. Winfried Felser