Industrie 4.0 Human

Die Value Landscape als ein neues „Framework“ für eine wert- und humanorientierte Industrie 4.0

Immer deutlicher wird, dass die bisher oft technikzentrierte Digitalisierung ein Irrweg ist, auch und insbesondere im Kontext der Industrie 4.0. So wird die LogiMAT 2017 vom Vordenker des Fraunhofer IML, Professor ten Hompel, mit einer hochkarätigen Diskussionsrunde eröffnet, die eine solche Humanorientierung der Industrie 4.0 in den Mittelpunkt stellt. An ihre Stelle muss eine Transformation mit einem klaren Fokus auf den Menschen und seine Werte treten. Zurecht fordert das schon lange die Industrie 4.0-Intitiative, die Burkhard Röhrig als Vorstandsvorsitzender des VDMA und Geschäftsführer von GFOS bereits 2015 gestartet hat. 

Zu einer „Industrie 4.0 Human“ passt ideal die von BOLDLY GO INDUSTRIES im Kontext der DSAG (Deutschsprachige Anwendergruppe der SAP) initiierte Value Landscape, die eine Landkarte bzw. ein Framework zur wert- und humanorientierten Einordnung von Potenzialen der Industrie 4.0 erarbeiten möchte. Mit einer gewissen Toleranz kann die Value Landscape sogar RAMI-kompatibel ausgerichtet werden. Dieser Beitrag skizziert die Value Landscape, ordnet sie aber zugleich in breiter ausgerichteten Handlungsempfehlungen der DSAG ein. Der Beitrag basiert auf einem Beitrag, der für die Handlungsempfehlungen der DSAG zur Digitalisierung vom „Erfinder“ der Value Landscape, Andreas Jamm, und dem Autor veröffentlicht wurde.

 

1. Die Syska-Kritik fordert uns! 

Spätestens das aktuelle Buch „Illusion 4.0“ von Professor Andreas Syska hat deutlich gemacht, dass Industrie 4.0 noch nicht alle Skeptiker überzeugen kann. Kritisiert wird vor allem die Technikorientierung ohne Wert- und Humanorientierung und der Fokus „bis zum Werktor“.

Syska Quadrant

Bild 1: „Syska-Quadrant“, Ausweitung der Industrie 4.0-Perspektive

Gesucht wird ein größeres Gesamtbild, das auch die gesellschaftlichen Implikationen, aber vor allem die Kunden und die Mitarbeiter und die Wertschöpfung für sie und durch sie einbezieht. Auch der Autor des Beitrags erlebt diesen Bedarf in seinem Umfeld. Trotz der Effizienzversprechen von Industrie 4.0 müssen viele Unternehmen immer noch von Industrie 4.0 bzw. Ökonomie 4.0 Ansätzen überzeugt werden. Übersehen werden bisher insbesondere ganzheitliche Potentiale über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg bis hin zum Wandel der Geschäftsmodelle. Erst eine solche Gesamtbetrachtung zeigt aber optimal Sinn und Nutzen einer Business Transformation und erlaubt sinnvolle Priorisierungen.

 

2. Generelle Handlungsempfehlungen für Industrie 4.0 

Aus dieser vielfältigen Kritik an den bisherigen Industrie 4.0-Bemühungen lassen sich im Umkehrschluss Handlungsempfehlungen ableiten, im Einzelnen:

 

Neuer Fokus für Industrie 4.0-Projekte: 

  1. Starten Sie Ihre Industrie 4.0-Bemühungen mit einem klaren Fokus auf die Menschen und ihre Werte und Wertschöpfung. Verstehen Sie Industrie 4.0 nicht technologisch, sondern ökonomisch und humanzentriert!
  2. Erkennen Sie dabei die neue Logik der digitalen Netzwerkökonomie. Ehemals lineare Pipelines sind in der Realität längst durch unternehmens- und ländergrenzenübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke ersetzt! Entsprechend müssen sich Unternehmen von gewohntem Silo-Denken befreien und ihren Wertebeitrag als Teil eines global reichenden Netzwerkes auch auf strategischer Geschäftsebene bewusst begreifen. Das kann auch bedeuten, dass bisherige Wettbewerber zu Verbündeten werden müssen. Und es erfordert besonders das kreative Umdenken zu innovativen oder gar disruptiven Geschäftsmodellen und auch neuen Organisationsstrukturen.
  3. Berücksichtigen Sie bei Ihren Projekten daher nicht nur Vorteile durch Effizienz und Automatisierung, sondern alle neuen durch Vernetzung und Transparenz freigesetzten Wertpotenziale, insbesondere für die Kunden und Mitarbeiter!
  4. Begrenzen Sie die Perspektiven Ihrer Projekte insbesondere auch nicht am Werktor. Sie können intern beginnen, am Ende ist aber eine End-2-End-Optimierung alternativlos, die insbesondere die geforderten Werte für den Kunden sicherstellt.
  5. Die gesellschaftliche Perspektive von Ökonomie und unternehmerischem Handeln fordert last, but not least auch eine solche Perspektive im Kontext der Industrie 4.0.

Diese ergebnisorientierten Handlungsempfehlungen sind um vorgehensorientierte Handlungsempfehlungen zu ergänzen.

Dabei ist insbesondere zu beachten: Wer eine neue kollaborativere Netzwerkökonomie fordert, sollte auch in ihrem Sinne selbst agieren, wenn es um die Realisierung von Industrie 4.0-Projekten geht. Konkret:

 

Neues Vorgehen für Industrie 4.0-Projekte: 

  1. Nutzen Sie dabei Möglichkeiten, im Netzwerk gemeinsam solche neuen Perspektiven für eine Wertschöpfung im Sinne einer Netzwerk-Ökonomie zu entwickeln.
  2. Lernen Sie von Innovatoren und deren agilen Methodikansätzen wie Design Thinking und schaffen Sie entsprechend Ihrer Zielausrichtung eigene kollaborative Plattformen für die Innovation, wie eigene Co-Working Spaces, Digital Labs, und Inkubatoren.
  3. Zudem ist es im Sinne der Lean-Startup-Logik sinnvoll, einfach anzufangen und vorhandene Tools und Technologien die am Markt vorhanden sind, iterativ zu testen.
  4. Nutzen Sie dynamische Modelle, wie die Value Landscape 4.0 als begleitende Unterstützung. Rahmenwerke vereinfachen den kreativen Prozess für ihre Transformation.
  5. Noch besser: Wirken Sie mit anderen an der Value Landscape 4.0. Wer heute vorgibt, das Zielszenario so zu kennen, ist unseriös. Alternativ: Co-Learning und Co-Creation!

 

3. Von der Landkarte der Plattform 4.0 zur Value Landscape 

So weit, so abstrakt. Andreas Jamm und ein Team gleichgesinnter Industrie 4.0-Experten wollte diese Neufokussierung konkretisieren. Das Ergebnis: Die Value Landscape (4.0) als Zielkonzept, das es nun mit Leben gefüllt werden muss. Am Ende wird die Value Landscape auch eine Ergänzung für die bereits existierende Landkarte der Plattform der Industrie 4.0 sein, die alle bisherigen Industrie 4.0-Projekzte regional verortet (s. hier).

Sowohl von der Ordnungsstruktur als auch vom Fokus unterscheiden sich beide. Während die „Landkarte“ Projekte und Lösungen regional ordnet, steht bei der „Value Landscape“ der realisierbare Nutzen als Ordnungskriterium im Vordergrund. Während die „Landkarte“ vor allem klassisch fokussierte Industrie 4.0-Projekte, … ausweist (Maintenance, Remote Monitoring, …), sollen bei der Value Landscape human- und wertorientiertere Projekte jenseits der lokalen Effizienzoptimierungen durch Technik im Vordergrund stehen.

Dabei wird die „Landkarte“ der Plattform Industrie 4.0 auch auf eine Eignung als Basis für die „Landscape“ geprüft. Projekte im Sinne der Value Landscape werden dann Eingang finden bzw. wertorientiert verortet werden. Eine Erstprüfung zeigte aber eine Dominanz sehr klassischer Industrie 4.0-Projekte. Damit kommen wir zum eigentlich Kern dieses Beitrags, der Value Landscape selbst.

 

4. Human und Wertorientierung mit der Value Landscape (4.0) 

Die digitale Welt mit ihrer neuen Netzwerkökonomie verlangt nach einer end-to-end Geschäftsmodell-Betrachtung, um Wertepotentiale, insbesondere auch aus einer humanorientierten Perspektive heraus, umfassend zu erkennen. Kleinteilige, funktionale Prozessablaufoptimierungen reichen nicht mehr aus, wenn man mehr möchte als lokale Effizienzverbesserungen. Es gilt durch Vernetzung, Transparenz und Datenverfügbarkeit funktions-, abteilungs-, unternehmensübergreifend Wertpotentiale zu identifizieren und auszuschöpfen. Der Value Landscape 4.0 Ansatz geht davon aus, dass in einem dynamisch, komplexen Umfeld Geschäftsmodelle und -prozesse agil und wandelbar sein sollten.

Die strukturelle Logik des Modells lehnt sich daher an andere „New Business-Modelle“ wie das Business Model Canvas noch Osterwalde an und vermeidet in der Darstellung die Vorstellung starrer, abgegrenzter Gestaltungsbereiche wie sie in RAMI gegeben sind. Die Anlehnung an den Business Model Canvas-Ansatz ist eine Hommage an den innovativen, disruptiven Charakter vieler Industrie 4.0-Projekte jenseits der üblichen Maintenance-Lösungen, die bei der Neu-Vermessung der Industrie 4.0 im Vordergrund stehen sollen. Eine organische, beinahe „schaumartige“ Abbildungsform des Modells ist eher geeignet, um identifizierte Wertetreiber zu verorten und zu vernetzen. In der folgenden Abbildung wird die Value Landscape 4.0 skizziert in der nun verschiedene Innovationen 4.0 verortet werden.

Value Landscape 4.0

Bild 2: Value Landscape 4.0 (Bildquelle: BOLDLY GO INDUSTRIES)

So finden sich beispielsweise im Bereich Customer bzw. Kundenorientierung die Wertpotenziale Individualisierung 4.0 und Co-Creation. Anbieter von Produktkonfiguratoren wie Camos sehen alleine durch eine bessere Ausschöpfung der Kundenwünsche durch eine umfassendere Individualisierung enorme Potenziale für Zusatzumsätze bzw. mehr Mehrwerte, von Effizienzvorteilen ganz abgesehen. Die Potenziale von „Individualisierung 4.0“ lassen sich nur ideal heben, wenn eine wert- und humanorientierte Realisierung sichergestellt wird. Dann aber sind die Potenziale von großer Relevanz. Camos-Gründer Michael Hüllenkremer spricht von 2% volkswirtschaftlichen Mehrpotenzial beim Umsatz in den relevanten Segmenten. Wer also immer nur Predictive Maintenance und Uber als Beispiele für Wertpotenziale in der Digitalen Ökonomie aufführt, reduziert das enorme Potenzial auf nur „2“ durch Redundanz mittlerweile relativ unspannend gewordene Alternativen.

Natürlich könnte die Value Landscape auch RAMI als strukturelle Basis wählen. Damit würde zwar das Andocken an die Innovations-Community verloren gehen. Zugleich könnte aber eine Value Landscape als zweite Perspektivean die Landkarte der Plattform andocken und damit den human- und wertorientierten Anspruch in die Kern-Community tragen.

 

5. Einladung zur Kollaboration 4.0 für die Ökonomie 4.0 

Wer auch an solchen umfassenden Perspektiven interessiert ist, kann an der Value Landscape mitwirken. Nur so wird sie dem offenen, kollaborativen Anspruch gerecht. Wenden Sie sich dafür an den Autor dieses Beitrages oder das Team von BOLDLY GO INDUSTRIES.

Zugleich sollte über eine Kooperation zwischen der Industrie 4.0-human-Initiative und der Value Landscape-„Initiative“ nachgedacht werden. Mit gemeinsamer Kraft sollte die Re-Fokussierung für die Industrie 4.0 in Richtung Human- und Wertorientierung gelingen.