„Industrie 4.0 Human“ als Teil der humanen Bewegungen – wir wären bereit!
Industrie 4.0 Human

„Industrie 4.0 Human“ als Teil der humanen Bewegungen – wir wären bereit!

Zusammenfassung

Im Beitrag „Transformation: The Human Factor“ für das New Management-Portal von Haufe fordert Winfried Felser ein Zusammenwirken der verschiedenen „Humanen Bewegungen“ für eine humanzentrierte Transformation in Deutschland bzw. Europa. Die wichtigste Botschaft unseres Beitrags dazu: Wir wären als Industrie 4.0-Human-Bewegung dazu bereit – seit 2014 😉. Die Zeit ist auch reif. Wir brauchen ein humanzentriertes Rahmenwerk – nicht nur für die Industrie!

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Ein dritter, humaner Weg – wir sind zum Glück nicht allein!

Im Kontext von Produktion und Industrie stehen wir auch insgesamt in unserer Ökonomie am Scheideweg. Gerade durch KI und andere Technologien, die in Zukunft Segen oder Fluch sein können, wird die Öffentlichkeit hin- und hergerissen zwischen manchen New Work- bzw. Arbeit 4.0-Blütenträumen einerseits und Schreckensszenarien von massenhaften Verlusten der Arbeitsplätzen und von einer Fremdbestimmung durch „unkontrollierbare Kontrolle“ andererseits. Was in der Regel fehlt: eine klare positive Vision und aktive Gestaltung der „humanen“ Seite der Industrie 4.0, bei der die Interessen von Unternehmen und Mitarbeitern so abgestimmt werden, dass Unternehmen nachhaltig zukunftsfähig aufgestellt werden und Mitarbeiter zum Erfolgsgaranten für Industrie 4.0 werden und vom Wandel profitieren statt Opfer der technischen Revolution zu sein. Den entscheidenden Unterschied macht der Fokus: Steht der Mensch im Mittelpunkt oder ist er nur Mittel zum Zweck!?

Winfried Felser ist in seinem Beitrag „Transformation: The Human Factor“ für das New Management Portal von Haufe überzeugt: Europa könne und müsse einen solchen humanzentrierten Weg der Transformation finden, der Gesellschaften nicht spaltet, wie etwa im Silicon Valley, oder zum Überwachungsstaat führt, wie in China. Das sehen und sahen wir ähnlich und arbeiteten an diesem Weg und das schon ab 2014, wo wir aus dem Kontext des VDMA ein loses Netzwerk für ein humanzentriertes Weiterdenken des Industrie 4.0-Gedanken geschaffen haben.

Für den dritten Weg fordert Felser eine umfassende Zusammenarbeit der „Humanen Bewegungen“, wie er sie nennt. Dabei verweist er in seinem Beitrag zum einen auf den Urvater der „Future of Work“ Charles Handy, der 2017 beim Druckerforum in Wien eine „humane Revolution“ forderte. Ein Jahr später folgten ihm die Veranstalter des Druckerforums mit dem „Human Factor“ als Thema ihrer Zusammenkunft und Gary Hamel mobilisierte daraufhin 2018 / 2019 eine „Humane Bewegung“. Zum anderen nennt er komplementäre „Bewegungen“, insbesondere aus Deutschland. Heiko Fischer von Ressourceful Humans möchte für Deutschland den Ball von Charles Handy/ Gary Hamel aufnehmen. Kai Anderson von Promerit/Mercer versammelte zeitgleich zu Charles Handy viele hochkarätige Personalmanager unter dem Anspruch Digital human, u.a. im Rahmen seines gleichnamigen Buchprojekts der Verantaltung human work/s als An-Event zur Zukunft Personal.

 

Auch die Industrie 4.0 entdeckte frühzeitig das Humane

Was uns natürlich besonders freut: Auch wir wurden im Beitrag als frühe Pioniere der Humanzentrierung genannt. Das ist leider nicht selbstverständlich. Wenn normalerweise an Humanzentrierung und New Work & Co gedacht wird, wird oft die Produktion ausgeklammert. Dabei bedeutet gerade die Industrie 4.0 eine große Chance jenseits der oberflächlichen Humanisierung und Bespaßung. Deutschlands ehrgeiziges Zukunftsprojekt der Industrie 4.0 hat daher in den vergangenen Jahren früh und zunehmend das Thema Mensch für sich entdeckt.

Wir haben dafür den Begriff Industrie 4.0 Human geschaffen, weil dieser Fokus für uns mehr als Arbeit 4.0 bedeutet. Der Diskurs um die Arbeit 4.0 betrachtete oft den Gestaltungsbereich der Arbeitsorganisation isoliert und z.B. nicht die Produktionstechnologie, wo eine ganzheitliche Sicht und Gestaltung der Industrie notwendig ist. Wir sprechen daher lieber abgrenzend von einer humanzentrierten „Industrie 4.0″ und sehen bei einer humanzentrierten Gestaltung auch eine neue Erfolgspartnerschaft zwischen Unternehmen, Kunden, Mitarbeitern und Gesellschaft und eine neue Wertschöpfungs-Kollaboration zwischen Mensch und Maschine, die alle Bereiche der Industrie 4.0 neu denken und gestalten muss.

 

Industrie 4.0: der Mensch als Dirigent trotz Automatisierung

Wie aber wird die Produktionsarbeit und die Produkionstechnologie der Zukunft im Detail aussehen? Dieses Thema würde im Detail Bücher füllen. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation IAO hat schon vor Jahren Erwartungen an die künftige Ausgestaltung der Produktion in der Studie „Produktionsarbeit der Zukunft – Industrie 4.0“ u.a. in folgenden Aussagen zusammengefasst:

  • Industrie 4.0 heißt mehr als Vernetzung cyber-physischer Systeme.
  • Automatisierung wird für immer kleinere Serien möglich – dennoch bleibt menschliche Arbeit weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Produktion.
  • Flexibilität ist der Schlüsselfaktor für die Produktion – in Zukunft noch kurzfristiger als heute.
  • Flexibilität muss zielgerichtet und systematisch organisiert werden – „Pauschal-Flexibilität“ reicht nicht mehr aus.

Quintessenz der Studie: Mehr an Automatisierung, aber keine menschenleere Fabrik, vor allem aber eine neue Flexibilität der Produktion durch den Menschen.

Zentral wird dabei sein, dass die Gestaltung den Menschen als Dirigent und Wertschöpfer einer agilen, flexiblen Industrie in den Mittelpunkt stellt. Neue technologische Lösungen unterstützen den neuen Souverän, um seine Wirkungskraft zu hebeln. Sie ergänzen seine Fähigkeiten im Netzwerk statt vornehmlich seine besonderen Fähigkeiten ersetzen oder ihn fremdbestimmen und überwachen zu wollen. Die Fraunhofer Gesellschaft (das IML) hat für diese neue Kollaboration den Begriff der Social Networked Industry geschaffen.

 

Fragen, die sich stellen …

Alle Horrorszenarien sind also ebenso ungeeignet wie ein einfaches „Weiter so“. In diesem Kontext beschäftigten wir uns beispielhaft mit folgenden Fragestellungen für die betriebliche Praxis:

  • Wie sehen die künftigen Arbeitswelten im Detail aus?
  • Welche Folgen hat das für die Menschen, die in der Produktion tätig sind?
  • Wie kann diese Flexibilisierung geschaffen werden?
  • Kann Industrie 4.0 vielleicht sogar eine Antwort auf den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel sein?

Die Antworten machen dabei Vorteile für Mitarbeiter und Unternehmen deutlich.

 

 „Industrie 4.0 Human“ aus Sicht der Mitarbeiter:

Aus Sicht der Mitarbeiter bietet „Industrie 4.0 Human“ in besonderer Weise enorme Chancen. Sie kann den Mitarbeitern neue Spielräume eröffnen und Arbeit attraktiver werden lassen. Hier nur einige Hinweise in diese Richtung:

  • Industrie 4.0 ermöglicht die Selbstorganisation in kleineren Einheiten in hohem Maße. Selbstorganisation macht den Arbeitsalltag abwechslungsreicher und auch verantwortungsvoller. Ergebnis von Industrie 4.0 Human kann also die Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen beziehungsweise die Aufwertung von Produktionsarbeit sein.
  • Dabei wachsen auch Aufgaben traditioneller Produktions- und Wissensarbeiter in der Industrie 4.0 weiter zusammen. Produktionsarbeiter übernehmen vermehrt Aufgaben für die Produktentwicklung.
  • Selbstorganisation bietet zudem eine flexiblere Antwort auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer in Richtung ihres Arbeitszeitmanagement. Mehr denn je ist es notwendig, nicht nur am Kunden-Markt, sondern auch am Arbeitnehmer-Markt flexibel zu sein. Hier entscheidet sich, welches Unternehmen die raren Fachkräfte für sich gewinnen kann.
  • In Zeiten des demografischen Wandels wird es notwendig und möglich sein, ältere Mitarbeiter, die über eine Menge Know-how verfügen, länger in das Berufsleben einzubinden. Dies ist zum Beispiel realisierbar, indem Abläufe genau auf die Möglichkeiten der Belegschaft abgestimmt werden. Ältere Arbeitnehmer profitieren also von der „Inklusion“ in der „Industrie 4.0 Human“ und werden nicht „zum alten Eisen“.
  • Neue, z.B. mobile Technologien, unterstützen aber auch die Inklusion von Behinderten, und sorgen insgesamt für eine Humanisierung der Arbeit.

So weit, so gut. Eine humanere, anspruchsvolle und flexible Arbeit – was will man mehr. Hier unterscheidet sich Industrie 4.0 Human noch nicht von der Arbeit 4.0. Natürlich muss die Transformations-Medaille aber auch eine zweite Seite haben. Eine Kompetenzpartnerschaft und die schöne neue Welt von Arbeiten 4.0 wird nur gelingen, wenn Industrie 4.0 ökonomisch gelingt und „human“ ausgerichtet wird. Unternehmen sind nicht Selbstzweck.

 

„Industrie 4.0 Human“ aus Unternehmenssicht

„Industrie 4.0 Human“ bietet aber auch aus Unternehmenssicht eine Vielzahl von Vorteilen, ist also nicht nur gutmenschlicher Selbstzweck:

  • Höhere Qualifikation und ein Empowerment von Mitarbeitern bedeutet zusammen mit einem Mehr an Automatisierung eine deutlich höhere Produktivität
  • Die Flexibilität für die Mitarbeiter muss und kann kombiniert werden mit einer Flexibilität für die Unternehmen bzw. ihre Kunden. Hier ist ein Win & Win notwendig und motivierbar, wenn beide Seiten in Summe profitieren.
  • Arbeitgeber profitieren natürlich von der höheren Arbeitszufriedenheit und damit auch am Arbeitsmarkt von attraktiveren Rahmenbedingungen für ihre Mitarbeiter

 

Ein Rahmenwerk (RAMI) zur humanzentrierten Neuausrichtung?

Damit dieses Win-Win-Szenario klappt, müssen vielfältige Lösungskonzepte ganzheitlich ineinandergreifen. Dafür bräuchten wir ein Rahmenwerk und ein Manifest als Klammer. Das Rahmenwerk zur humanzentrierten Neuausrichtung soll kein zweites RAMI oder VDI-Haus (zwei Referenzmodelle der Industrie 4.0) darstellen. Es ist eine komplementäre Ergänzung der Standardisierung mit einem humanzentrierten Fokus und beschreibt für alle relevanten Bereiche der Wertschöpfung, wo und wie sich Humanzentrierung konkretisiert. So werden neben z.B. neben Assistenzsystemen als „Hardware“ und „Software“ und neuen Nutzerschnittstellen auch neue Formen der flexiblen Personaleinsatzplanung zum Wohl von Kunden, Unternehmen und Mitarbeitern beleuchtet, um z.B. auch ältere Mitarbeiter weiterhin in der Produktion integrieren zu können. Gerade im Umfeld von Industrie 4.0 darf Flexibilität keine Einbahnstraße sein. Heute sind intelligente Arbeitszeitmodelle gefragter und bedeutender denn je. Mit relativ einfachen Tools wie z.B. einem entsprechendem Workflow lassen sich Mitarbeiterwünsche wie Diensttausch oder kurzfristiger Urlaub gerecht und transparent umsetzen. In Tabelle 1 sind einige der Lösungskonzepte des humanzentrierten Rahmenwerks im Überblick dargestellt.

Bereich Lösungskonzepte (Beispiele!)
Organisation Lean Management Selbstorganisation Team Flexibilisierung der Arbeit Motivational Design
Nutzungs-Konzepte User Centric Design Augmented Operator Gamification Digital Signage
Software-Systeme Assistenzsysteme
(„Software“)
Collaborative Plattforms Schicht-Doodle Workforce Management
Basis-Technologie Assistenzsysteme
(„Hardware“)
Social Maschines Sensitive Robotor Sensorik 4.0

Tabelle 1: Rahmenwerk zur humanzentrierten Neuausrichtung

 

Ein größeres Rahmenwerk im Rahmen der Kooperationen für das Humane?

Sollte eine Vernetzung der humanen Bewegungen gelingen, können natürlich solche Lösungsansätze auch größer gedacht werden. So wird aus RAMI erst RAMI human und schließlich eine „Referenzarchitektur für die humane Ökonomie“.